Kokerei Kaiserstuhl


April 2002: Die modernste Kokerei der Welt steht mitten in Dortmund - stillgelegt. Es ist schwer zu begreifen, wenn man hinzufügen muss, dass derzeit in 40 km Luftlinie eine neue Kokerei gebaut wird. Aber manchmal sind solche Entscheidungen nicht rational zu erklären, zumal die einzigartige Kokstrockenkühlung, wie sie auf Kaiserstuhl angewendet wurde, in der neuen Kokerei, die direkt am Rhein in Duisburg gebaut wird, nicht zum Einsatz kommt.

Die Kokerei Kaiserstuhl, auf dem Gelände der Westfalenhütte liegend, wurde 1992 vom Konsortium Still / Thyssen und C. Otto erbaut. Die Kosten dafür betrugen ca. 1,3 Mrd. DM - davon 300 Mio. DM allein für die Kokstrockenkühlung. Unter Protest wurde die Kokerei am 15.12.2000 stillgelegt. Viele Menschen verloren ihre Arbeit oder wurden versetzt Gerne hätte die Chinesen, die zur Zeit Teile des Westfalenhütte auf demselben Gelände abtragen, auch Kaiserstuhl mitgenommen, jedoch klappt der Technologietransfer nicht recht oder sollte vielleicht auch nicht klappen. Schade drum - jetzt versucht man, Teile der Kokerei zu verkaufen. Kleinvieh macht auch Mist. Die Kokerei Kaiserstuhl produzierte max. 6000 t Koks am Tag! Die Rohkohle lieferte hauptsächlich die in der Nähe befindlichen Zeche Heinrich Robert. Ein einzelner Ofen fasste 60 t Kohle und ist fast 8 Meter hoch (gemessener Innenraum) und 18 Meter lang. Eine Heiztemperatur von bis zu 1340 Grad erforderte eine Garungszeit von ca. 25 Stunden, bis der fertige Koks herausgedrückt wurde. Pro Ofen gab es 4 Fülllöcher, der gesamte Füll- und Ausdrückprozess erfolge vollautomatisch. Die weiße Seite der Kokerei wurde stündlich mit 180.000 m³ Gas versorgt. Ein besonderes Highlight der Kokerei ist die bereits erwähnte Kokstrockenkühlung, die wesentlich umweltschonender als die bisherige Kühlung arbeitet. Für alle Fälle hatte man zusätzlich eine herkömmlichen Nasskühlung.
Es bleibt spannend, was aus
Kaiserstuhl nun werden wird. Die Öfen sind auf jeden Fall hinüber: Die Steine sind durch die Erkaltung gerissen - nicht mehr zu gebrauchen. Bei meinem Besuch der Kokerei hat mich vor allem die Größe der Anlage beeindruckt. Die Öfen sind Haushoch, kaum auf einem Foto zu bannen.

Update 04/2003: Nach Presseberichten soll die Kokerei Kaiserstuhl an die Chinesen verkauft worden sein. Im Laufe diesen Jahres wird sie in wesentlichen Teilen abgetragen und exportiert.

Update 03/2004: Große Teile der Kokerei sind inzwischen abgerissen und nach China verschifft worden. In Deutschland gibt es nur noch 5 Kokereien, die den deutschen Markt mit 8,6 Millionen Tonnen Koks versorgen. Deutschland importiert derzeit bis zu 4 Millionen Tonnen Koks und ist damit einer der größten Importeure. Aus diesem Grunde leidet die Industrie besonders stark unter der gegenwärtigen Marktlage: Koks ist knapp geworden! Aufgrund ihres Wirtschaftsbooms drosselt China die Koksausfuhren - der Kokspreis ist enorm gestiegen. Allein in den zurückliegenden 6 Monaten haben sich die Preise des von den Elektrostahlwerken benötigten Schrotts um etwa 50% und der in den Hütten verarbeiteten Eisenerzen um rund 25% erhöht. Die Koksprobleme sind hausgemacht - die Knappheit im Lande und die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar hohen Kokspreise sind das Ergebnis einer bewusst in Kauf genommenen Abhängigkeit von wenigen ausländischen Produzenten.
Da es etwa sieben Jahre dauert, um eine neue Kokerei zu bauen, hat die Dillinger Hütte beispielsweise die ostfranzösische Kokerei Carling erworben (Kapazität 1 Millionen Tonnen), weil die Versorgung aus der eigenen Kokerei nicht ausreicht. Die Kokerei Kaiserstuhl könnte man jetzt gut gebrauchen, um eine Verbesserung der Marktversorgung in vielerlei Hinsicht zu fördern. Zu spät...

Analoge Aufnahmen aus 2002.