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Kokerei Anderlues


März 2003: Von belgischen Kollegen hörte ich , dass die Kokerei Anderlues abgerissen werden soll. Die kleine Kokerei, in der Nähe von Charleroi gelegen, ist im November 2002 endgültig stillgelegt worden, nachdem schon längere Zeit nur noch eine der beiden Batterien betrieben wurden. Höchste Zeit, die Anlage fotografisch zu dokumentieren. Nach sorgsamen Studium des mitgeführten Kartenmaterials ist der Standort der Kokerei schnell ausgemacht. Der Dauerregen hörte auf, sobald wir das Dorf Anderlues erreichten. Die Märzsonne kam durch und erwärmte den regendurchnässten Boden. Nebel waberte über den kohlenschwarzen Boden: Ein perfekter Auftritt! Schnell war ein Einstieg gefunden. Über den Lagerplatz gingen wir zügig in Richtung weiße Seite. Schnell war das Qualitätslabor gefunden - alles steht so, als ob hier gestern noch gearbeitet wurde.

Das faszinierende an dieser Kokerei war ihre "Größe". Mir fielen Begriffe ein wie "Bonsai-Kokerei" oder "Privat-Kokerei". Dass sich ein Betrieb von solcher Größe über viele Jahre hinweg halten konnte, hat mich sehr überrascht. In der Gaswäsche war die Luft so gehaltvoll, dass sofort eine Zigarette geraucht werden musste. Die Wirkung derselben wurde durch die benzolgeschwängerte Luft mehr als verdoppelt - ein Genuss der besonderen Art. Nachdem die Sonne herauskam, wurde es schwer, die Koksofenbatterien zu fotografieren - die Kontraste wurden sehr hart. Aus diesem Grunde gibt es von mir eher Innenaufnahmen zu sehen. Unter den Batterien fand ich verschiedene Werkstätten, in denen ich großartige Aufnahmen machen konnte. Sehr überraschend war der Zustand der Schaltwarte: Hier wurde bis zuletzt mit der Technik der 30er Jahre gearbeitet. Schalttafeln, die noch vor dem 2. Weltkrieg gebaut wurden, wurden von nackten Glühbirnen sanft beleuchtet. Überall lag noch hohe Spannung an; Trafos summten und brummten gewaltig im Raum. Dass ich so etwas noch erleben durfte...
Fast zeitgleich mit der Kokerei Tertre wird Anderlues nun abgerissen. Aufgrund der minimalen Größe der Kokerei und deren Nebengebäude dürfte der Abriss bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Ein spektakulärer Ausdrückvorgang hat Kollege Harald Finster auf seiner Webseite zu zeigen.

Update 09/2003: Bei einem eher zufälligen Kontrollbesuch im September zusammen mit Klaus Lipinski fällt mir der mittlerweile begonnene Vandalismus auf. Kleine Teile der Anlage sind bereits abgerissen, unter anderem der Mischbunker. Der Abriss scheint nur schleppend voran zu gehen. Ein paar S/W-Aufnahmen entstanden an diesem Tage.

Update 2009: Wesentliche Teile der Kokerei stehen nach wie vor. Von einem Abriss ist nichts zu erkennen.

Analoge Aufnahmen aus 2003.