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Das Haus der alten Dame


Ein Spaziergang durch einen recht noblen Stadtteil in Bochum. Ein Haus, an dem täglich viele Menschen vorbei gehen. Ein geübter Blick, der das Herz eines
Urban Explorers höher schlagen lässt. Eine Haustür, die seit Jahren nicht abgeschlossen ist.

Seit vielen Jahren schon ist das Haus der alten Dame verlassen. Ein leeres Krankenbett der Sozialstation verrät, dass hier jemand zuletzt sehr krank gewesen ist.
Die Einrichtung im Erdgeschoss ist in den frühen achtziger Jahren stecken geblieben. Überall liegen Fotos herum, auf dem ich auch die alte Dame erkenne. Im Obergeschoss ist die Zeit in den 60er Jahren stehen geblieben. Vielleicht haben hier die Kinder gewohnt, bis sie damals auszogen?

Während ich mich beim Fotografieren im Erdgeschoss unwohl fühlte und erst im Obergeschoss an Fahrt aufnahm, hat mich der Dachboden fasziniert. Selten habe ich so viele alte Unterlagen, Fotos und verschiedenste Sachen auf einem Haufen gefunden. Ein ähnlich beeindruckender Dachbodenfund habe ich in der
Psychiatrie Salve Mater gemacht. Im Obergeschoss ist die Zeit komplett stehen geblieben: Ich fühle mich in die späten 60er Jahre versetzt: Ein alter Schwarz-Weiß-Röhrenfernseher, die klassischen Möbel und unzählige Lampen, die aus einer anderen Zeit berichten wollen.

Den Requisiten und Unterlagen nach zu urteilen, hat das Ehepaar nach dem Krieg ein Frisörgeschäft in Bochum geführt. Der Ehemann kam aus dem Krieg zurück und fing als Eisenbahner an. Durch verschiedene kaufmännischen Fortbildungen hat er sich später um die Buchführung des Salons gekümmert. Wenige Jahre nachdem er verstarb, folgte sie ihm.

Es ist spät, die Nachmittagssonne steht tief. Es ist Zeit zu gehen. Aufnahmen von 07/2012.

Update 07/2014: Ich erhalte eine eMail von Marie, die das Haus der alten Dame aufgesucht hat. Sie schreibt: "Ich mag dir erzählen, wie schrecklich sich der Zustand in dem Haus der alten Dame verändert hat. Es ist kaum zu fassen, wie Vandalismus etc. die schönen Erinnerungen an die Frau und deren Familie und Leben vollkommen zerstört haben. Es wurde alles aus den Wänden gerissen, zerstört, besprüht und sogar angepisst. Im Erdgeschoss ist keim ein Durchgang möglich, überall liegen zerstörte Stücke der ehemaligen Einrichtung. In dem ganzen Chaos konnten wir lediglich ein paar Dinge herausziehen, die uns sehr fasziniert haben: Fotos, Postkarte, Rechnungen und Kleidung, alte Einrichtungsgegenstände und ein paar Schuhe. Das alte Schlafzimmer in der ersten Etage wurde wohl zum Nachtlager ein paar Jugendlicher hergerichtet. Dort findet sich auch ein ein Stückchen Boden, das wohl als Toilette benutzt wird. Ich finde es unheimlich schade, wie man die Hinterlassenschaften einer Person so wenig respektieren und schätzen kann. Wir waren erschüttert über den Zustand und enttäuscht, dass wir kaum etwas von dem Flair der damaligen Zeit mitnehmen konnten."